Was machst du gerne um dich zu erholen und zur Ruhe zu kommen? Ich gehe gerne spazieren in der Natur oder trinke einen Kaffee an einem schönen Ort. Manchmal gerne alleine mit mir und manchmal mit Menschen, die mir gut tun. Dabei erfreue ich mich an einem guten Gespräch oder genieße, ohne viele Worte zu wechseln, die Gegenwart dieses lieben Menschen. Genauso entspannt mich aber auch z.B. eine Runde Fahrrad fahren Tennis oder auch Tischtennis zuspielen. Auch die Meditation ist für mich ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben geworden. So trete ich immer wieder aufs Neue in Kontakt mit mir und meinen Bedürfnissen und lerne mich zu entspannen.
In unserem Alltag sind Momente der Ruhe, das Erholen und das Entspannen eher eine Seltenheit geworden. Wir haben einen vollen Terminkalender, arbeiten viel, sind bemüht für Alle da zu sein und machen ganz viel dafür Erwartungen zu erfüllen bzw. das Andere glücklich und zufrieden sind. Ein kurzer Impuls an dieser Stelle: Ich habe für mich festgestellt, dass sich beim Thema Erwartungen immer wieder ein Realitätscheck lohnt. Durch Nachfragen finde ich heraus welche Erwartungen meinen Mitmenschen an mich haben und was davon in Wahrheit lediglich meiner Gedankenwelt entspringt.
Zeit ist kostbar und meistens haben wir zu wenig davon. Der Umgang mit der Zeit ist in unserer Gesellschaft ein zentrales Thema.
Im „Zeit-Raum“ im Haus der Sinne in Grafenhausen sind mir zwei Sprichwörter zum Umgang mit diesem Thema begegnet. Beide haben mir geholfen meinen Blickwinkel zu verändern, in dem ich in verschiedenen Lebensbereichen, aber insbesondere in der für unseren Job zentralen Unterrichtsvorbereitung, erkennen durfte, dass der sinnvolle Einsatz von Zeit ein ganz anderer ist, wie der, den ich mein Leben lang gelernt und verfolgt habe.
Dort konnte ich lesen:
Westliche Weisheit:
„Sitz nicht einfach nur rum, tu irgend etwas.“
Östliche Weisheit:
„Mach nicht einfach irgendetwas, setz dich lieber mal ruhig hin.“
https://www.schwarzwald-tourismus.info/schwarzwald/online-magazin/schwarzwaelder-koepfe/der-zeit-erforscher (21.03.2025;14:00 Uhr)
Wer gerne mehr über diesen Raum und seinen Gestalter Prof. Dr. Hartmut Rosa erfahren möchte, findet im Literaturverzeichnis den Link zu einem Interview.
Wir sind in unserem Alltag ganz viel am Machen. Wir leiden darunter gefühlt nie Zeit zu haben. Wie geht es dir damit, kannst du dich ruhig hinsetzen ohne das Gefühl zu haben irgendetwas machen zu müssen?
Der Gedanke: „Ich kann doch jetzt nicht hier liegen und nichts machen. Ich muss doch noch den Unterricht vorbereiten, zum Training, Wäsche waschen usw.“ ist mir persönlich sehr vertraut. Und wie oft habe ich meine Müdigkeit und meine Erschöpfung ignoriert, da ich die innere Unruhe nicht aushalten und dem Bedürfnis nach etwas Machen nicht widerstehen konnte.
Ich durfte in diesem Bereich viel lernen.Heute gelingt es mir besser öfters einfach mal zu SEIN und eben nicht zu MACHEN. Das erfordert immer wieder eine bewusste innere Entscheidung und ist nach wie vor eine Herausforderung. Auch ich darf an dieser Stelle noch weiter Lernen.
Die Mentalität des oben zitierten Sprichwortes hat sich in unserer westlichen Welt über einen langen Zeitraum verfestigt,deswegen ist es ganz natürlich, dass es uns so schwer fällt daran etwas zu verändern.
Diese Sichtweise hat, mit vielen anderen Elementen, dazu geführt, dass die Wörter Pause, Ruhe und Erholung in den meisten Terminkalendern wahrscheinlich noch immer eine Seltenheit sind. Und sollten sie dann doch mal auftauchen, dann müssen wir ehrlicherweise zugeben, dass wir auch in diesen Zeiten versuchen etwas zu machen, verbunden mit dem Ziel uns zu erholen und zur Ruhe zu kommen. In unserem Sprachgebrauch sind „erholen“ und „zur Ruhe kommen“, so haben wir es in der 1. Klasse gelernt, Tuwörter, folglich „müssen“ wir ja etwas „tun“ um das Ziel zu erreichen.
Ich glaube genau an diesem Punkt, dürfen wir uns etwas mehr der östlichen Weisheit zu wenden. Wir dürfen lernen darauf zu vertrauen, dass die Erholung und die Ruhe sich ganz automatisch einstellen, wenn wir ruhig dasitzen. Unser Körper ist unglaublich weise und wenn wir uns „mal ruhig hinsetzen“ und es zulassen zu sein, dann geben wir unserem Körper die Chance zu machen was er viel besser kann als wir: sich und dadurch uns zu erholen und zur Ruhe zu kommen.
Wie kommen wir nun von der Ruhe und Erholung in unserer Freizeit wieder zurück in die Klassenzimmer und damit zum Thema der Unterrichtsvorbereitung?
In dem wir uns bewusst darüber werden, welche zentrale Forderung an uns als Lehrperson während einer Unterrichtsstunde gestellt wird: Präsenz!
„Das größte Geschenk, das wir machen können, ist unsere vollkommene Präsenz.“
Thich Nhat Hanh
Ruhe und Erholung sind elementare Voraussetzungen dafür präsent zu sein.
Ich denke ich brauche nicht genauer erläutern, was mit gut vorbereiteten Stunden passieren kann, wenn wir nicht präsent sind.
Präsent sind wir, wenn wir körperlich und geistig bei dem sind was wir im Moment tun. Sind wir müde oder gestresst, fällt es uns schwer präsent zu sein.
Nicht präsent sind wir, wenn wir während des Unterrichts schon überlegen, was wir in der Pause alles erledigen müssen, oder uns Gedanken über die nächste Stunde, die nächste Phase oder über den restlichen Tag machen. Beschäftigen wir uns in Arbeitsphasen der Schülerinnen und Schüler mit unserem iPad oder anderen Sachen , die nichts mit dem aktuellen Unterricht zu tun haben, sind wir ebenfalls nicht präsent.
Falls du dir diese Situationen nicht vorstellen kannst, weil du es schaffst zu 90% immer vollkommen präsent zu sein, dann Herzlichen Glückwunsch! Du brauchst die nachfolgenden Erklärungen nicht. Für alle Anderen möchte ich gerne noch ein wenig näher darauf eingehen. Unterrichtstunden, in denen wir nicht präsent sind, haben in der Regel Folgen. Zum Einen haben wir vielleicht die Chance verpasst eine Unterrichtsstörung im Keim zu ersticken und das Auflösen der Situation hat uns dadurch viel Zeit gekostet. Oder einzelne Stundenphasen haben deswegen länger gedauert. Wir sind am Ende also vielleicht einfach nicht so weit gekommen, wie wir wollten. Vielleicht haben wir auch nicht bemerkt, dass wir heute leicht reizbar sind und haben aus der Emotion heraus etwas gesagt oder getan, was wir jetzt bereuen und definitiv geklärt werden muss. Wir gehen also möglicherweise genervt, gestresst, frustriert und mit noch mehr Arbeit aus so einer Stunde heraus. Da wir in der Regel nicht nur eine Stunde am Tag haben, sind wir in der nächsten Stunde vermutlich noch weniger präsent, da unser Gehirn jetzt zusätzlich noch die ganze Zeit mit der vorangegangenen Stunde beschäftigt ist. Die Geschichte wiederholt sich und so geht der Tag zu Ende. Ganz frustrierend ist es, wenn wir viel Zeit in die Unterrichtsvorbereitung dieser Stunden gesteckt haben und vielleicht auch deswegen auf unsere geliebte Freizeitaktivität oder auf Schlaf verzichtet haben. Wenn am Ende nicht das gewünschte Ergebnis steht, dann hätten wir uns die ganze Mühe und Arbeit auch sparen können.
Wenn du jetzt denkst: genauso ist es bei mir leider zu häufig, dann lade ich dich ein zu versuchen dich jetzt zu freuen anstatt dich fertig zu machen. Du darfst dich freuen, weil es ist dir bewusst geworden. Was in dein Bewusstsein gelangt ist, hat die Chance transformiert zu werden.
Ich bin davon überzeugt, dass wir auch ohne große Unterrichtsvorbereitung Alle in der Lage sind unseren Schülerinnen und Schüler sehr viel mitzugeben. Wir können sie in ihrem Lernprozess voranbringen, wenn wir es schaffen im Unterricht wirklich präsent zu sein.
Ich wage daher folgende Schlussfolgerung aufzustellen:
- gut vorbereiteter Unterricht + präsent sein im Unterricht
= gutes Ergebnis+große Zufriedenheit- gut vorbereiteter Unterricht + nicht präsent sein im Unterricht
= maximal befriedigendes Ergebnis + große Wahrscheinlichkeit für Unzufriedenheit- nicht gut vorbereoitet + vollkommene Präsenz im Unterricht
= mindestens akzeptables Ergebnis + Zufriedenheit über den Verlauf der Stunde
Den Perfektionisten lassen wir bei der ganzen Betrachtung bewusst in der Hängematte. 🙂
Wenn wir dieser Schlussfolgerung glauben schenken, dann hat das enorme Auswirkungen auf unsere Unterrichtsvorbereitung. Denn das zentrale Element für den Unterrichtserfolg ist bei dieser Überlegung unsere Präsenz. Konsequenterweise sollten wir dann bei unserer Unterrichtsvorbereitung die meiste Zeit für Tätigkeiten aufwenden, die dazu beitragen, dass es uns gelingt im Klassenzimmer vollkommen präsent zu sein.
In seiner Mitte zu sein, ist eine wichtige Voraussetzung um präsent zu sein.
Die Antworten von euch liebe Leserinnen und Leser auf die Frage, die ich euch zu Beginn gestellt habe, werden sehr unterschiedlich ausfallen, doch werden sie als Gemeinsamkeit ihre Wirkung auf euch haben, nämlich, dass ihr im Kopf frei werdet, dass ihr euch erholt fühlt und dass ihr zur Ruhe gekommen seid.
Ich habe für mich aus diesen Überlegungen einige Schlüsse gezogen. Was die eigentliche Unterrichtsvorbereitung angeht gilt das Motto «weniger ist mehr». Bei der Vorbereitung auf die Präsenz im Unterricht gilt das Motto «viel hilft viel».
Gerade am Anfang hat sich häufig eine innere Stimme gemeldet, die mir gesagt hat: «Du kannst jetzt nicht spazieren gehen oder Kaffee trinken oder zum Sport gehen, denn der Unterricht ist noch nicht genug vorbereitet».
Zunächst viel es mir schwer, dieser Stimme nicht zu folgen, doch mittlerweile kann ich ihr getrost antworten: «Doch, genau das mache ich jetzt, weil das ist der wichtigste Teil meiner Unterrichtsvorbereitung».
Spazieren gehen als Unterrichtsvorbereitung? Jetzt kannst du vielleicht denken oder sagen, das versaut mir das Spazieren gehen, wenn Spazieren gehen jetzt auch noch Teil der Arbeit ist. Das ist eine mögliche Perspektive.
Vielleicht hast du aber auch Lust, es mal auszuprobieren.
Mir hat die Sichtweise und die Verschiebung des Fokus meiner Unterrichtsvorbereitung auf das präsent sein im Klassenzimmer viele Freiheiten, schöne Momente in und außerhalb der Schule und insgesamt mehr Zufriedenheit und ein besseres Verhältnis zu meinen Schülerinnen und Schüler gebracht.
Wie denkst du über dieses Thema?
Was hilft dir, um ausgeglichen zu sein?
Wie schaffst du es, im Unterricht wirklich präsent zu sein?
Ich freue mich auf deine Meinungen und Erfahrungen.
by Señor F
