Hand aufs Herz. Wann hast du zuletzt ein Kompliment bekommen? Wann hast du zuletzt jemand Anderem ein Kompliment gegeben? Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass beides noch nicht zu lange her ist. Falls doch, kannst du kurz innehalten und dir überlegen, wem du heute noch ein Kompliment machen möchtest. Um nicht warten zu müssen, bis du eine andere Person triffst, die sich über dein Kompliment freuen darf, kannst du jetzt direkt mit dir anfangen. Ich lade dich ein dir jetzt genau in diesem Moment selbst ein Kompliment zu machen.
Es ist unbestritten, dass jeder von uns sich tief im Inneren darüber freut positive Aussagen über sich selber zu hören. Ein Kompliment zu hören, eine positive Eigenschaft gespiegelt zu bekommen ist Balsam für die Seele. Aber ist das wirklich so? Ist es uns nicht vielmehr unangenehm ein Kompliment zu erhalten? Schämen wir uns nicht vielleicht sogar etwas dafür, vor allem dann, wenn das Kompliment im Beisein anderer Menschen ausgesprochen wird? Wie ist das bei dir? Kannst du es genießen, wenn du ein Kompliment bekommst oder dominieren in solchen Situationen Gefühle wie Unsicherheit oder Scham? Oder nimmst du Komplimente vielleicht nüchtern und neutral entgegen?
Wenn du für dich selbst eine Antwort gefunden hast, dann lade ich dich ein alle Gedanken und Gefühle, die damit verbunden sind einfach als solche wahrzunehmen und zu versuchen sie nicht zu bewerten. Bitte verurteile dich nicht dafür. Wenn du das Gefühl hast, in meinem Umgang mit Komplimenten möchte ich gerne was verändern, dann gratuliere ich dir von Herzen Herzlichen Glückwunsch. Es ist dir soeben bewusst geworden und du hast heute und jeden Tag aufs Neue die Chance etwas daran zu verändern. Ein guter Anfang bist du selbst. Mach dir selbst ein Kompliment. Wenn du das gerade eben an der Stelle weiter oben schon gemacht hast, dann mache es einfach nochmal. Komplimente kannst du nie genug geben und bekommen.
Warum tun wir uns als Menschheit so schwer mit Komplimenten bzw. mit dem Positiven allgemein? Wir sparen nicht mit Kritik an anderen Menschen und vor allem nicht mit Selbstkritik. Wir fokussieren uns auf das Negative bzw. uns wird nur das Negative präsentiert. Warum tun wir uns so schwer, uns selbst etwas Gutes zu tun und Gefühle und Empfindungen wie Freude, Leichtigkeit und Zufriedenheit zu kultivieren und sie auch zu genießen. Ich teile die Meinung zahlreicher Wissenschaftler, die behaupten, dass Selbstkritik kein gesunder Weg ist, sich zu motivieren. Ein gesundes Maß an konstruktivem Feedback für uns Selbst ist definitiv wichtig und bringt uns voran. Sich selbst fertig zu machen führt meiner Meinung nach nicht zu dem gewünschten Ergebnis: nämlich sich selber zu verbessern und weiterzuentwickeln.
Wir haben verlernt Komplimente zu genießen ohne uns dafür zu schämen und wir haben verlernt die Scheinwerfer auf das Positive in unserem Leben zu richten. Unser Gehirn hat sich, wie der Neuropsychologe Dr. Rick Hanson zusammenfasst, dahin entwickelt Negatives wie ein Klettband anzuziehen und das Positive wie in einer Teflonpfanne abperlen zu lassen.
Die positive Nachricht an dieser Stelle ist, das zeigt die neueste Forschung zum Thema Achtsamkeit, unser Gehirn lässt sich nachhaltig verändern. Wir Menschen sind durch Übung in der Lage die Samen in uns zu gießen, die in unserem Leben angenehme Gefühle wie Freude, Liebe, Mitgefühl und insgesamt das Positive erblühen lassen.
Daher lohnt es sich diese Samen zu gießen und mit jedem Kompliment, was wir verschenken, gießen wir diese positiven Samen bei unserem Gegenüber. Außerdem entsteht eine Verbindung zum anderen Menschen. Sich Verbunden zu fühlen mit seinen Mitmenschen ist eine wesentliche Voraussetzung, um sich in einer Gemeinschaft, wie eine Schulklasse es ist, wohl zu fühlen und den Mut zu entwickeln sich so zu zeigen wie man ist. Sich wohl und angenommen zu fühlen ist wesentliche Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Von Daher ist es mir wichtig, dass in meinem Unterricht auch immer wieder Übungen ihren Platz finden, die genau dieses Gefühl der Verbundenheit fördern können.
In diesem Lichtimpuls heute möchte ich dir zwei Möglichkeiten vorstellen, mit denen ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe.
Die Herausforderung besteht nicht darin passende Übungen zu erfinden. Diese existieren bereits zahlreich in unterschiedlichen Varianten in vielen Büchern, die sich mit diesem Themenbereich beschäftigen. Die Herausforderung besteht darin den Mut zu finden, diese Übungen auch durchzuführen und auszuhalten, dass es dir und deinen SchülerInnen am Anfang vielleicht nicht leicht fällt und die Übung nicht gleich bei den ersten Durchführungen ihr volles Potenzial entfaltet. Ich kann dir versichern, es lohnt sich.
Die Ideen zu beiden Übungen stammen aus dem Buch „Wie Wertschätzung in der Schule Wunder wirkt“ von Heidemarie Brosche.
Warme Dusche
Grundübung
Die Klasse bildet einen offene Kreis. An der offenen Stelle platziert sich ein(e) SchülerIn wahlweise mit dem Gesicht oder mit ihrem Rücken zu der Klasse zugewandt.
Dann ist Jeder der Reihe nach aufgefordert etwas Angenehmes oder Freundliches über diese Person zu sagen. Es könnte zum Beispiel jede Woche ein anderer Schüler drankommen oder immer das Geburtstagskind.
Im Anschluss wird zunächst die «geduschte» Person gefragt, wie es sich angefühlt hat positive Rückmeldungen und Komplimente bekommen zu haben. Danach wird auch die Klasse gefragt, wie es für sie war eine positive Rückmeldung bzw. ein Kompliment auszusprechen.
Empfehlungen aus der Praxis
- Es fällt uns, wie oben erwähnt, grundsätzlich schwer Positives zu äußern. Um vorzubeugen nicht immer “Du bist nett” zu hören, kann es hilfreich sein den SchülerInnen Satzanfänge vorzugeben wie z.B.
- Ich freue mich, dass…
- Ich möchte mich bei dir bedanken, weil…
- In der letzten Stunde/auf dem Pausenhof hast du…
- Es war schön für mich, dass…
- Manchen fällt es schwer spontan ein Kompliment zu formulieren. Das dürfen wir nicht verurteilen. Ich hatte meiner Klasse im Vorfeld als Hausaufgabe gegeben sich zu jeder Person aus der Klasse das Netteste, was sie über die Person sagen können zu überlegen und aufzuschreiben. So können sie sich in Ruhe daheim Gedanken machen. Damit hatten sie einen Spickzettel für die Durchführung in der Schule.
- Bei großen Gruppe kann die Klasse auch in Kleingruppen eingeteilt werden. Ich hatte meine Klasse aus 31 SchülerInnen in drei feste Gruppen eingeteilt und dann immer zu Beginn einer Stunde einmal pro Woche nach draußen geschickt und bestimmt wer heute die warme Dusche bekommt. Sie haben in der Kleingruppe den oben beschrieben Kreis gebildet und die Übung durchgeführt. Manchmal waren auch zwei Personen dran. Ein eindeutiger Nachteil bei dieser Variante ist, dass jeder nur von einem Teil der Klasse ein Kompliment bekommt.
Meine Klasse ist sehr respektvoll miteinander umgegangen und sie haben sich schnell an den Ablauf gewöhnt, so dass die «Warme Dusche» zu Beginn des Unterrichts reibungslos abgelaufen ist.
Ich konnte dabei in viele strahlende Gesichter schauen. Es wurde viel gelacht und die SchülerInnen meldeten zurück, dass es Ihnen mit der Zeit einfacher gefallen ist, Komplimente zu machen.
Es ist also wie so Vieles nur eine Frage der Gewohnheit.
Komplimente zu erhalten, so die Rückmeldungen, war schon irgendwie komisch und unangenehm, aber hat sich gleichzeitig auch gut angefühlt.
Diese Übung eignet sich auch gut zum Schuljahresende. Dann vielleicht auch in der Variante, dass Jeder eine Papiersonne auf den Rücken geklebt bekommt und Jeder positive Eigenschaften bei den Anderen auf die Sonne schreiben kann.
Ich habe meine SchülerInnen am Ende des Schuljahres gebeten, mir ihre Liste mit den positiven Eigenschaften über ihre MitschülerInnen digital zukommen zu lassen und habe daraus für jede(n) SchülerIn eine Liste mit diesen positiven Eigenschaften vorbereitet und sie Ihnen am letzten Schultag überreicht. Es ist ein wunderschönes Gefühl Anderen eine Freude zu machen und dieses Gefühl wird noch verstärkt, wenn man dabei in ganz viele strahlende Gesichter schaut. Solche Momente tragen mich immer wieder über schwierige Phasen hinweg.
Kleine Schatztruhen – Positives aus der Streichholzschachtel
Vorbereitung:
Jede(r) SchülerIn bekommt oder besorgt sich eine leere Streichholzschachtel. Der Auftrag ist die Streichholzschachtel individuell zu gestalten und den Namen drauf zu schreiben.
Durchführung
- Alle Streichholzschachteln kommen in eine Tasche/Kiste und Jeder/Jede zieht blind an einem Tag der Woche (z.B. Freitag) eine Streichholzschachtel.
- Über das Wochenende oder bis zu einem vorgegebenen Tag schreibt Jeder eine nette Nachricht an diejenige Person, deren Schachtel er/sie gezogen hat. In dieser Nachricht dürfen nur positive Sachen geschrieben werden, wie z.B. was an dieser Person besonders geschätzt wird oder es kann von beobachteten positiven Verhaltensweisen berichtet werden.
- Am vereinbarten Tag z.B. Montag werden alle “Schatztruhen” eingesammelt und an ihre Besitzer verteilt.
- Die erhaltenen Nachrichten können zu Hause in einem Gefäß gesammelt werden. An schwierigen Tagen, kann es helfen diese Schatztruhe positiver Nachrichten zu öffnen.
- Die “Schatztruhen” werden direkt wieder eingesammelt für die nächste Runde.
Erfahrungen aus der Praxis
Auch zu dieser Übung möchte ich euch meine gemachten Erfahrungen nicht vorenthalten und euch gerne einige Tipps geben:
- Wenn SchülerInnen abwesend sind, empfiehlt es sich die Streichholzschachteln vor dem Ziehen aus zu sortieren.
- Wer keine “Schatztruhe” dabei hat, darf auch nicht ziehen.
- Als Kritikpunkt haben die SchülerInnen formuliert, dass es insgesamt zu viel Unterrichtszeit wegnimmt. Zu überlegen wäre die Organisation einem Schüler/einer Schülerin zu übertragen, so dass Alles in den Pausen stattfinden kann. Ich bin jedoch der Meinung, dass es sich um sinnvoll genutzte Unterrichtszeit handelt.
- Es lohnt sich zu thematisieren was die SchülerInnen schreiben können, in dem gemeinsam positive Eigenschaften gesammelt werden. Außerdem ist ein guter Weg zu einer passenden Nachricht die Person, deren Streichholzschachtel man gezogen hat, genauer zu beobachten. So fallen einem möglicherweise positive Verhaltensweisen auf. Ein weiterer Tipp kann sein mit deren Freunden ins Gespräch zu kommen.
- Es empfiehlt sich zu thematisieren, dass direkt zurückgemeldet werden soll, wenn negative oder beleidigende Sachen geschrieben werden.
Bei beiden Übungen sind die SchülerInnen aufgefordert bzw. gezwungen sich über ihre MitschülerInnen Gedanken zu machen, und zwar nicht nur über die, mit denen sie sowieso regelmäßig Kontakt haben. Sie bekommen vielleicht eine Nachricht, mit der sie niemals gerechnet hätten und schauen vielleicht nochmal mit anderen Augen auf ihre MitschülerInnen. Insgesamt konnte ich wahrnehmen, dass die Verbindung untereinander gestärkt wurde und sich die Übungen positiv auf die Gemeinschaft ausgewirkt haben. Mein Ziel für eine Klassengemeinschaft ist nicht, dass Jeder der beste Freund vom Anderen ist. Jedoch möchte ich erreichen, dass Jeder mit Jedem zusammenarbeiten kann und seine MitschülerInnen mit Respekt behandelt. Rückblickend kann ich sagen, dass beide Übungen mich diesem Ziel ein gutes Stück näher gebracht haben.
Aus der Schülerperspektive
Zum Abschluss möchte ich euch einige SchülerInnenkommentare aus einer anonymen Umfrage nicht vorenthalten:
- Die Streichholzschachtel fand ich gut und es ist auch oft etwas lustiges dabei.
- Die Streichholzschachtel fand ich auch eine sehr schöne Idee, vor allem weil man sich auch mal Gedanken über Mitschüler machen musste, die man nicht so gut kennt um trotzdem ein schönes Kompliment zu machen.
- Es hat sich sehr gut angefühlt, anderen anonym Komplimente/schöne Nachrichten zu geben, da ich das persönlich nicht oft mache.
- Die Streichholzschachtel ist ok, aber ich persönlich habe das Gefühl, dass die warme Dusche nicht wirklich ernstgenommen wird und manche sehr nervös macht.
- Die Streichholzschachteln haben mein Selbstbewusstsein gestärkt.
- Man ist offener, es wird nicht mehr komisch einer Person ein Kompliment zu machen, besseres Gemeinschaftsgefühl, beschäftigt sich mehr mit seinen Mitschülern.
- Ich glaube eine sehr gute Auswirkung (auf die Klassengemeinschaft, Anm. von mir), weil man sich gegenseitig sehr nette Sachen gesagt hat und wirklich von Jedem immer was nettes gehört hat.
- Man hat mehr über seine Klassenkameraden erfahren und hat auch beim Komplimenten suchen erstmal gemerkt, wie wenig man über manche Personen weiß.
Vielleicht hast du Lust bekommen eine oder beide Übungen auch in deiner Klasse auszuprobieren. Ich freue mich, wenn du mir von deinen Erfahrungen damit berichtest.
Was hast du schon ausprobiert um die Bindung/Beziehung der SchülerInnen untereinander bzw. mit dir zu stärken? Ich freue mich, wenn du es mit mir teilst und ich von dir lernen darf.
by SeñorF
Bildnachweis
- Image by Hans from Pixabay (https://pixabay.com/photos/can-rifle-box-love-heart-5608/ 20.02.2025, 20:09 Uhr)
Literaturverzeichnis
- Brosche, Heidemarie; Wie Wertschätzung in der Schule Wunder wirkt; 2017, Cornelsen-Pädagogik.
- Kaltwasser, Vera: Kartenset Achtsamkeit in der Schule: 60 Übungen für die Klasse. Weinheim: Beltz Verlag, 2020.
- Nhat Hanh, Thich, und Katherine Weare: Happy Teachers Change the World: A Guide fpr Cultivating Mindfulness in Education. Berkeley: Parallax Press, 2017.
- Nhat Hanh, Thich und die Gemeinschaft von Plum Village: Hrsg. von Schwester Jewel (Chan Chau Nghiem) Achtsamkeit mit Kindern, Stuttgart: Nymphenburger Verlag, 2022.
- Nhat Hanh, Thich: Aus Angst wird Mut, Grundlagen buddhistischer Psychologie, Bielefeld: Theseus in Kamphausen Media Gmbh, 2023.
- Nhat Hanh, Thich: Frieden mit jedem Atemzug: Wie Achtsamkeit uns heilt und die Welt verändert. Freiburg: Herder Verlag, 2016.
- Ordnung, Christine; Beziehungen aktiv gestalten – Jenseits von Strafen und Belohnung, Online-Selbstlernurs, bereitgestellt vom AVE-Institut, www.ave-institut.de
- Rechtschaffen, Daniel: Die achtsame Schule: Praxisbuch. Freiburg: Arbor-Verlag, 2018.
- Singer, Tania; Bolz, Matthias; Mitgefühl. In Alltag und Forschung, kostenloses Ebook, 2013, https://www.compassion-training.org/?lang=de&page=home (2025_02_19)
- Thimm, Mathias: Der Polyvagal-Kreis (Originalversion),
https://www.youtube.com/watch?v=2hc9PPN7L2c&t=181s (26.12.2024, 20:07 Uhr) - Westphal, Dörte; Valentin, Lienhard; Hawkins, Kevin und Burke, Amy: AmiKi-Weiterbildung: Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen, 2020/21 Arbor-Seminare Freiburg
