Lichtblick #4 – Vertrauen und Loslassen

Was passieren kann, wenn ich Verantwortung abgebe

Fällt es dir auch manchmal schwer loszulassen, zu vertrauen und Verantwortung abzugeben?
Vielleicht ist das ganz normal und gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass es ganz wichtig ist, dass wir das Lernen. Es fällt mir hin und wieder wahnsinnig schwer SchülerInnen die Chance zu geben, selber auf die Lösung zu kommen oder sie ihren eigenen individuellen Lösungsweg finden lassen. Ich verspüre immer wieder den Impuls direkt den entscheidenden Tipp zu geben, wenn die SchülerInnen mich um Hilfe bitten bei einem Problem. Natürlich kann ich ihnen auch leider häufig nicht die Zeit schenken, die sie brauchen würden, um ihren Weg zum Ziel zu finden und zu gehen. 

Seit mir das Bewusst geworden ist, gelingt es mir immer häufiger ihnen nicht direkt die Lösung zu verraten, sondern ihr eigenes Nachdenken anzuregen. Dazu frage ich nach, was sie schon alles ausprobiert haben, ermuntere sie alles aufzuschreiben was ihnen zu dem Thema des Problems einfällt (vor allem im Mathematikunterricht) oder stelle eine Frage, deren Antwort sie dem Lösungsweg ein Stück näher bringt. 

Des Weiteren habe ich für mich als wichtigen Lernprozess erkannt, dass ich akzeptieren darf, dass mein Lösungsweg definitiv nicht der Einzige ist und in manchen Fällen vielleicht sogar gar nicht der Beste. Ich bin ein Experte in meinen Fächern ja, und auch ein Experte beim Thema Lernen, aber wer bin ich zu glauben, dass ich weiß, welcher Weg für meinen SchülerInnen der Beste ist. Wir Menschen haben vieles Gemeinsam und doch sind wir sehr individuell. Jeder von uns hat andere Fähigkeiten, Lösungsstrategien und Erfahrungen, so dass jeder für sich selbst Experte ist und nur selbst herausfinden kann auf welchem Weg er sich dem angestrebten Ziel nähert. Natürlich haben sich über die Jahre einige Wege als vorteilhaft erwiesen, doch dennoch kommt man auch auf anderen Wegen zum Ziel und wahrscheinlich gibt es auch noch viele Wege, die ich gar nicht kenne und die trotzdem erfolgreich sind.

Um das in die Praxis umzusetzen braucht es meiner Meinung nach Vertrauen, Mut, Loslassen und Zeit.

Ich brauche Vertrauen in meine Schülerinnen und Schüler, dass sie lernen wollen und dass sie sich weiter entwickeln wollen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Voraussetzungen grundsätzlich gegeben sind. Natürlich ist das stark von den  Interessen jedes Einzelnen abhängig, aber grundsätzlich haben sie alle eine Motivation etwas zu Lernen.
Vielleicht ist es deswegen gerade in einem Fach, für das sich SchülerInnen weniger interessieren, umso wichtiger, dass sie spüren, dass sie viel selbst bestimmen dürfen und aktiv am Lernprozess beteiligt sind.

Ist das Ziel klar formuliert dann erfordert es Mut mit einer Haltung in die Situation zu gehen, dass Jeder seinen Weg zu diesem Ziel finden darf. Beschreite ich nicht den Weg, auf dem ich mich am sichersten fühle und von dem ich weiss, dass ich ankomme, sondern gebe mich völlig offen allen möglichen Wegen hin, dann begegnet mir schnell Unsicherheit und das Gefühl den Lernprozess nicht unter Kontrolle zu haben. Diese Gefühle anzunehmen und auszuhalten erfordert Erfahrung und Mut. 

Gleichzeitig erfordert es ein Loslassen, ein Loslassen der Rolle, die besagt: ich gehe auf meinem mir bekannten Weg voraus und ihr folgt mir Alle nach. Es braucht auch ein sich zurücknehmen, ein sich selbst nicht so wichtig nehmen, ein sich befreien von der Haltung, ich weiß was für dich, was für meine SchülerInnen gut ist. Und wie oben angeklungen auch ein Loslassen von Kontrolle und Sicherheit in der vorgegebenen Zeit am Ziel anzukommen.  

Das führt mich zum nächsten Punkt der Zeit. Und da stoßen wir auf ein Problem, was wir nur bedingt beeinflussen können. SchülerInnen die oben beschriebene Lernerfahrung zu ermöglichen erfordert viel Zeit, die wir auf Grund des starren Systems und der Fülle an Inhalten häufig nicht haben und uns so gezwungen sehen, die SchülerInnen in ihrer Freiheit zu beschränken.
Ich wünsche mir an dieser Stelle ein Umdenken und dass wir unseren SchülerInnen auf ihrem individuellen Weg des Lernens mehr Freiheiten und Vertrauen schenken können.

Unterrichten als Herausforderung

Ich bin mir bewusst, dass das eine große Herausforderung ist, genauso wie das tägliche Unterrichten. Dabei tauchen bei mir insbesondere im Fremdsprachenunterricht immer wieder zwei Dilemmata auf.

Mir ist es wichtig, dass meine SchülerInnen so viel wie möglich sprechen. Ich denke diesen Wunsch haben alle FremdsprachenlehrerInnen gemeinsam.
Um reinzukommen und anzukommen, ist es mir am Anfang einer Stunde wichtig, dass jeder zumindest mal einen Satz auf Spanisch sagt. Dabei sehe ich mich häufig folgendem Dilemma ausgesetzt: Ich möchte zuhören, wenn sie sprechen, um korrigieren und auch unterstützen zu können. Jedoch trauen sich Viele weniger zu, wenn sie merken, dass ich zuhöre. Ich kann mir vorstellen, dass Einige eine tief verankerte Angst haben, Fehler zu machen. Ich versuche an dieser Stelle immer zu ermutigen Fehler zu machen, denn so findet Lernen statt. Da es nichts Wichtigeres gibt beim Lernen einer Sprache als sie zu sprechen, gibt es viele Phasen in meinem Unterricht, in denen die Schülerinnen und Schüler sprechen und häufig auch ohne dass ich zuhöre. Ich kann ja auch nicht überall sein. Und dennoch, gerade im Anfängerunterricht sind Phasen, in denen ich zuhöre und Alle aus Fehlern lernen können ein wichtiger Bestandteil in meinem Unterricht. So kann ich immer wieder überprüfen, ob sie sich die richtige Aussprache angewöhnen.

Beim zweiten Dilemma geht es um meinen eigenen Sprechanteil in der Stunde. Manchmal scheue ich mich davor SchülerInnen den nächsten Impuls formulieren zu lassen. Hintergrund ist meine Sorge, dass immer dasselbe gesagt wird und diese Erfahrung habe ich auch durchaus schon gemacht. Wenn ich jedoch ständig den nächsten Impuls gebe, ist mein Redeanteil für meinen Geschmack zu hoch.

Passend dazu möchte ich euch von einem weiteren Lichtblick aus meinem Unterricht erzählen:

Eines Morgens zum Einstieg der Stunde im ersten Lernjahr habe ich mich dazu entschieden jedem eine Frage zu stellen, die mit dem bisher Gelernten beantwortet werden kann. Ziel war es den gelernten Wortschatz zu wiederholen und dabei jeden Einzelnen Sprechen zu hören. Die oben beschriebenen Dilemmata waren präsent in meinem Kopf. Ich habe mich entschlossen zu Vertrauen und Loszulassen.
Ich habe einer Schülerin einen Ball zugeworfen, ihr eine Frage gestellt und diese wurde beantwortet. Ich habe sie dann gebeten eine Frage zu stellen und den Ball jemandem zuzuwerfen, der ihre Frage beantworten soll. Und so ging das dann weiter.
Und ich kann euch sagen, diese Phase wurde das Highlight an diesem Tag. Keine meiner oben beschriebenen Bedenken haben sich bewahrheitet. Als der Ball wieder bei mir landete, habe ich alle Fragen, aber auch wirklich alle möglichen Fragen, die in den letzten Wochen gelernt wurden gehört und nur eine Frage wurde doppelt gestellt.
Ich stand vorne, habe mich innerlich tierisch gefreut und dachte mir, was für fantastische Schülerinnen und Schüler. Ich muss einfach nur Vertrauen haben. Ich habe sie nach dieser tollen Phase sehr gelobt. Sie waren sehr stolz auf sich. Zu Recht.

Was habe ich aus dieser Erfahrung gelernt?

Wenn ich Vertrauen habe in meine Schülerinnen und Schüler und dieses sie auch spüren lasse, dann gestalten sie die Unterrichtsphase ganz alleine und am Ende viel besser, als ich das hätte machen können.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie löst ihr die beschriebenen Dilemmata?

Ich freue mich auf eure Erfahrungen und darauf, von euch Lernen zu können.

by SeñorF

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