Lichtimpuls #2 – Die Kraft der Stille

Enjoy the silence

Ein Ritual zu Stundenbeginn

Die ersten Sekunden entscheiden. In Fachliteratur zur Hirnforschung ist häufig zu lesen, dass wir in den ersten Sekunden entscheiden, ob uns eine Person sympathisch, uns ein Vortrag interessiert oder ein Video gefällt. 

Selbiges gilt für unseren Unterricht und dessen Verlauf. Vieles entscheidet sich in den ersten Momenten.  Wir haben vermutlich alle im Referendariat gelernt, dass der Einstieg gut durchdacht sein muss.

„Am Anfang musst du die Klasse für dich gewinnen, sie begeistern,..“

Diesen oder einen so ähnlichen Satz hat vermutlich jeder von uns schonmal gehört in seiner Ausbildung. Du hast wahrscheinlich, genauso wie ich, die Erfahrung gemacht, dass da viel Wahrheit drin steckt.

Das gilt natürlich nicht nur für die einzelne Unterrichtsstunde, sondern auch für die erste Stunde im Schuljahr mit der neuen Klasse und in ganz vielen anderen Situationen. 

Wahrscheinlich kommt dir folgende Situation bekannt vor:
Du hast dir einen tollen Einstieg überlegt, vielleicht auch die meiste Zeit der Vorbereitung für den Einstieg aufgebracht. Die Stunde geht los und alles läuft anders wie geplant. Entweder kommen SchülerInnen zu spät, in der Pause ist gerade etwas aufregendes passiert, nachher wird eine Mathearbeit geschrieben und alle sind sehr aufgeregt, unruhig und überhaupt nicht bei der Sache.. 

Ich denke du bist mit mir einer Meinung, dass ein gelungener Start in den Unterricht eine Herausforderung und ein guter Start für die ganze Unterrichtsstunde von großer Bedeutung ist.

Damit der Einstieg nicht nur in der Theorie super ist, sondern auch in der Praxis gut gelingt, kommt meiner Meinung nach der Begrüßung und dem, was vor dem eigentlichen Einstieg in den Unterricht passiert eine große Bedeutung zu.

Der Anfang meines Unterrichts

Ich habe für mich folgendes Begrüßungsritual gefunden und damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Inspiriert hat mich meine eigene Erfahrung mit der Stille, meine Ausbildung «Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen» beim Arbor-Seminar Freiburg und viel Literatur zu dem Thema Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen.

Mir ist es für meinen Unterricht wichtig, dass wir alle gemeinsam in ruhiger Atmosphäre beginnen. 

Ich thematisiere zu Beginn des Schuljahres mit meinen Klassen meine Erwartung, dass zu Beginn der Stunde alle ihr Material auf dem Tisch und das iPad (bei uns hat jede(r) Schüler/in ab Klassenstufe 8 ein iPad) geschlossen ist. Sehr schnell schaffen das mehr als 90% der Klasse und nach ein paar Wochen dann auch wirklich alle. Es reicht die betroffenen SchülerInnen anzuschauen bzw. mit Gesten darauf hinzuweisen. Dabei schweift mein Blick schonmal durch die Reihen und ich nehme einen ersten Kontakt mit jedem/jeder SchülerIn auf. 

Zu Beginn einer Unterrichtsstunde, nachdem ich meine Sachen ausgepackt und mich vorbereitet habe, stelle ich mich vorne in die Mitte, mein Signal, dass es jetzt losgeht und bitte die SchülerInnen ihre Handys in den Flugmodus zu schalten und in die Tasche zu packen. Ich mache dasselbe. 

Sobald alle still sind (das kann an manchen Tagen auch mal etwas länger dauern, was ich in Stille aushalte) begrüße ich mit einem „Guten Morgen“ und im Anschluss folgt ein Moment der Stille.
Dafür habe ich mehrere Varianten:

  1. Eine Minute der Stille
    • Ich lade alle ein, eine bequeme aber aufrechte Sitzhaltung einzunehmen und wenn möglich ihre Augen zu schließen. Es ist auch erlaubt den Kopf auf den Tisch zu legen oder einfach gemütlich dazusitzen. Ich schlage meine Klangschale an und nutze die Zeit alle einmal anzuschauen. Nach 1 Minute sage ich „Danke“ und fahre mit der Frage nach dem schönen Moment (siehe Lichtimpuls#1)  oder mit dem Unterricht fort. Das Ganze geht denke ich auch ohne oder mit einem anderen akustischen Signal.  Man findet auch digitale Varianten einer Klangschale.
  2. Drei Klänge der Glocke1
    • Selbes Prozedere wie oben, nur dass ich die Klangschale insgesamt dreimal anschlage mit einer Pause zwischen drin von ca. 2-3 Atemzügen von mir.
  3. Eine kurze Atemmeditation
    • Ideen zur Vorbereitung dieser Übung und Anleitungen finden sich in der Literatur zum Thema Achtsamkeit in der Schule oder Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen.
    • Eine mögliche Anleitung zum Vorlesen: (Das ist eine Version die aus meiner eigenen Erfahrungen genährt durch zahlreiche Vorträge und Seminare sowie durch die Lektüre von Fachliteratur entstanden ist).

“Nehmt eine bequeme und aufrechte Sitzhaltung ein. Ihr könnt euch dazu anlehnen oder vorne auf der Stuhlkante sitzen, wichtig ist dass eure Wirbelsäule aufgerichtet ist. Wenn für euch möglich, dann schließt eure Augen und falls nicht, dann sucht euch einen Punkt vor euch auf dem Tisch oder Boden, damit eure Augen zur Ruhe kommen können. (Hier: Klangsignal)
Lenkt eure Aufmerksamkeit auf euren Atem. Einatmend weiß ich, dass ich einatme. Ausatmend weiß ich, dass ich ausatme. Beobachte neugierig an welchen Stellen im Körper du deinen Atem spüren kannst. Spürst du die Luft an deinen Nasenlöchern? Kannst du wahrnehmen wie sich dein Brustkorb beim Einatmen etwas weitet und beim Ausatmen wieder etwas zusammenzieht. Oder spürst du deinen Atem im Bauch, wie sich deine Bauchdecke beim Einatmen hebt und beim Ausatmen wieder senkt. Du kannst hier nichts falsch machen. Es darf alles so sein, wie es gerade ist und wenn du nichts wahrnimmst, dann ist auch das in Ordnung. Wenn du möchtest kannst du eine Hand auf den Bauch legen und beobachten wie der Atem deine Hand bewegt. Beobachte noch eine Weile in Stille deinen Atem und oder die Bewegung deiner Hand auf dem Bauch. Wenn ihr gleich den Klang der Glocke hört, dann öffnet langsam eure Augen wieder und ihr könnt euch räkeln und strecken, so wie es sich gerade gut für euch anfühlt.”

(Klangsignal ertönt).

Bei allen diesen Übungen gilt absolute Freiwilligkeit. Wer nicht mitmachen möchte, der verhält sich einfach still.

Empfehlenswert ist am Ende einer Übung kurze Reflexionsfragen zu stellen. Es sollen alle drüber nachdenken und dann können vereinzelt Schüler aufgerufen werden oder es melden sich welche freiwillig. Häufig findet man bei einer Recherche folgende Fragen:

  • Was hast du beobachtet? Im Körper, im Kopf?
  • Wie hat es sich für dich angefühlt?
  • Was hat sich während der Übung verändert?

Diese Reflexionsrunde kann helfen den SchülerInnen zu zeigen, dass sie mit ihren Wahrnehmungen nicht alleine sind und kann auch andere dazu motivieren mitzumachen, wenn berichtet wird, dass sich einzelne jetzt ruhiger und entspannter fühlen. 

Erfahrungen aus der Praxis

Ein paar Anmerkungen zu den Ritualen möchte ich noch los werden.

Erstens zu der Länge der Stille.

Gerade für jüngere Kinder kann eine Minute ganz schön lang sein und wenn man bisher keine Erfahrung mit Stille in seinem Leben gemacht hat, dann ist es eine große Herausforderung auch nur 10 Sekunden Stille auszuhalten. Viele Reaktionen, die ihr beobachten werdet, falls ihr es ausprobiert, sind Resultat von Unsicherheit und wenig Erfahrung mit Stille. Daher empfiehlt es sich den Zeitraum der Stille langsam zu steigern und immer wieder die gemachten Erfahrungen zu thematisieren und betonen, dass es nicht einfach ist still zu sein. 

Wie geht es dir mit Stille? Ich lade dich ein in diesem Moment das Lesen zu unterbrechen und dir einen Moment der Stille und des Nichtstuns zu gönnen und dich auf deinen Atem zu fokussieren. 

Wie hat es sich angefühlt?
Was hast du beobachtet/wahrgenommen? im Körper? im Kopf?

Vielleicht war es ungewohnt, vielleicht war es angenehm, vielleicht hattest du ganz viele Gedanken, wie z.B. was soll das ganze eigentlich bringen oder du bist am Planen was du heute noch alles machen musst. All das darf sein und ist völlig normal. Ich empfehle dir, selber Erfahrungen mit Momenten der Stille im Alltag zu machen, bevor du es in deinen Unterricht integrierst. 

Zweitens zur Klangschale. Die Klangschale ist für mich in diesem Kontext kein Symbol für eine spirituelle oder religiöse Praxis, sondern ein Instrument welches einen wohlklingenden Klang erzeugt. Das thematisiere ich auch mit meinen Klassen.

Einen großen Vorteil für mich sehe ich bei dieser Art der Begrüßung, dass nicht nur die SchülerInnen runterfahren und ruhiger werden, die Pause hinter sich lassen kommen und in der Stunde ankommen, sondern auch ich kann mich sammeln und in der Stunde ankommen. Außerdem gibt es mir die Möglichkeit, wie oben erwähnt, jede(n) SchülerIn «zu sehen», was für mich für eine gute Lehrer-Schüler Beziehung von extremer Bedeutung ist, meinen SchülerInnen das Gefühl zu geben, sie zu sehen.

Das sagen meine SchülerInnen dazu:

  • „Bitte behalten Sie ihre Minute der Stille oder die Atemübung bei, denn es gibt viele Schüler (auch ich) denen es zum Beispiel vor Arbeiten wirklich hilft, da es beruhigend wirkt und man nicht mehr so nervös ist.“ (9. Klasse)

Äußerungen auf die Frage nach den Auswirkungen der Rituale auf die SchülerInnen selber und ihr Lernen.

  • „Man ist nicht so gestresst und kann sich besser konzentrieren“  (9. Klasse)
  • „Man ist einfach entspannt und mit Vorfreude in den Unterricht gestartet. Außerdem habe ich mich von Ihnen in gewisser Weise wertgeschätzt und auf selber Augenhöhe mit Ihnen gefühlt“. (10. Klasse)
  • „Man startet nicht hektisch in den Unterricht und kann auch ein bisschen zeigen was man auf Spanisch sagen kann (schöner Moment)“ (10. Klasse)
  • „1 Minute Stille ist sehr angenehm“  (Kursstufe)

Äußerungen auf die Frage zur Auswirkung auf das Klassenklima:

  • „Man ist ruhig und kommt runter und kann dann gemeinsam mit der Klasse in den Unterricht starten“ (10. Klasse)
  • „Da alle zusammen leise waren für ein paar Minuten wurde das Klassenklima gestärkt“ (10. Klasse)
  • „Da alle teilgenommen haben, hat man sich als Teil der Gruppe fühlen können und der Austausch danach war immer schön“ (Kursstufe)

Vielleicht hast du Lust bekommen deine eigenen Erfahrungen damit zu machen. Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen mit uns allen teilst. Viel Spaß beim Ausprobieren. 

by SeñorF

Fußnote
  1. Aus: Nhat Hanh, Thich, und Katherine Weare: Happy Teachers Change the World: A Guide fpr Cultivating Mindfulness in Education. Berkeley: Parallax Press, 2017 ↩︎
Literaturverzeichnis:
  • Kaltwasser, Vera: Kartenset Achtsamkeit in der Schule: 60 Übungen für die Klasse. Weinheim: Beltz Verlag, 2020.
  • Nhat Hanh, Thich, und Katherine Weare: Happy Teachers Change the World: A Guide fpr Cultivating Mindfulness in Education. Berkeley: Parallax Press, 2017.
  • Nhat Hanh, Thich und die Gemeinschaft von Plum Village: Hrsg. von Schwester Jewel (Chan Chau Nghiem) Achtsamkeit mit Kindern, Stuttgart: Nymphenburger Verlag, 2022.
  • Nhat Hanh, Thich: Aus Angst wird Mut, Grundlagen buddhistischer Psychologie, Bielefeld: Theseus in Kamphausen Media Gmbh, 2023.
  • Nhat Hanh, Thich: Frieden mit jedem Atemzug: Wie Achtsamkeit uns heilt und die Welt verändert. Freiburg: Herder Verlag, 2016.
  • Westphal, Dörte; Valentin, Lienhard; Hawkins, Kevin und Burke, Amy: AmiKi-Weiterbildung: Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen, 2020/21  Arbor-Seminare Freiburg

Hinterlasse einen Kommentar