Lichtimpuls #1 – Ritual zu Stundenbeginn: Was war ein schöner Moment gestern?

Mit dieser Frage habe ich sehr viele positive Erfahrungen in meinem Unterricht gemacht. Sie eignet sich auch gut als Gesprächsanlass in der Fremdsprache. Positiver Nebeneffekt hierbei: Die Vergangenheitszeiten schleifen sich besser ein!

Durch die Antworten jedes Einzelnen erfährt die ganze Klasse und auch ich als Lehrer viel Schönes aus dem Leben der Anderen. Auf einfache Art und Weise lernt sich die  Klasse untereinander besser kennen. Nicht selten werden neue Seiten an einem Mitschüler oder einer Mitschülerin entdeckt. Meine Erfahrung zeigt, dass  den Schülerinnen und Schülern mit der Zeit immer mehr Lichtblicke ihres gestrigen Tag einfallen und sie auch mutiger im erzählen werden. Wenn ich in die Runde schaue, während die  Klasse über das Erlebte  nachdenkt, geht mir häufig das Herz auf. Ich sehe viele lächelnde Gesichter,  beim Erzählen überträgt sich die Freude des Einzelnen auf die ganze Klasse.   In vielen Fällen entsteht eine entspannte und positive Grundhaltung mit der sich gut in die Stunde starten lässt.
Meine 9. und 10. Klasse sowie die Kursstufe haben in einer Feedbackrunde zurückgemeldet, dass dieses Ritual die Klassengemeinschaft und die Lehrer-Schüler-Beziehung verbessert hat.

Hier einige Äußerungen von Schülerinnen und Schüler wie sie in einer anonymen Umfrage formuliert wurden:

„Man startet nicht hektisch in den Unterricht und kann auch ein bisschen zeigen was man auf Spanisch sagen kann (schöner Moment).“

„Fragen zu Beginn sehr angenehm, um sich mal auf die schönen Dinge zu konzentrieren und mal in sich rein zu hören wie es einem wirklich geht.“

„Man hat viel über Schönes nachgedacht und kam ins Lächeln beim Überlegen über die schönen Dinge.“

„Man hat gerne den anderen zugehört beim Erzählen.“

Vorgehensweise:

  1. Phase: Nachdenken
    Ich bitte die SchülerInnen den gestrigen Tag/das Wochenende/die Ferien wie einen Film vor ihrem inneren Auge ablaufen zu lassen (Wer möchte bei geschlossenen Augen) und bei den schönen Momenten einen Moment zu verharren. Das mache ich meistens direkt im Anschluss an die Stille. (siehe Beitrag zu Begrüßungsritual). 
    Ich möchte hier betonen, dass die Frage bewusst heißt, was war ein SCHÖNER Moment und nicht was war der SCHÖNSTE Moment gestern, weil es hier nicht darum geht irgendetwas super tolles zu erzählen, sondern vielmehr darum ein Bewusstsein für die kleinen positiven Momente zu entwickeln. Am Anfang ist es empfehlenswert die Schülerinnen und Schüler mit Beispielen zu unterstützen.
    Beispiele könnten sein: in Ruhe ein gutes Buch gelesen, mit Freunden Fußball gespielt oder gezockt,  mit den Großeltern zusammen Mittag  gegessen oder sich mit einer Freundin draußen in der Natur getroffen, mit dem Hund spazieren   gegangen, Klavier  gespielt oder auch einfach nur das Lächeln des Busfahrers. 
  2. Phase: Teilen
    Das Wichtige ist, dass die SchülerInnen über positives Nachdenken. Selbst wenn nichts geteilt wird, hat sich jeder mit positiven Aspekten seines Lebens beschäftigt.
    Je nach Zeit,Lust und Laune greife ich in der zweiten Phase auf folgende Alternativen zurück. Wichtig bei allen Alternativen ist, dass die Schülerinnen und Schüler immer die Möglichkeit haben nichts bzw. «weiter» zu sagen. Das gilt es zu akzeptieren und freundlich anzunehmen.
    • Der Zufallsgenerator wählt 3-5 SchülerInnen aus und diese bekommen die Möglichkeit ihren schönen Moment zu teilen. Im Anschluss frage ich, ob noch Weitere ihren Lichtblick des vergangenen Tages teilen wollen.
    • Blitzlichtrunde mit der ganzen Klasse: Ich stelle die Frage einer Schülerin bzw. einem Schüler und dann wird der Reihe nach geantwortet. Manchmal und insbesondere bei kleinen Gruppen wiederhole ich die Frage bei jedem Einzelnen, um jeden persönlich anzusprechen und wahrzunehmen. 
    • Ich frage in die Runde, wer einen schönen Moment teilen möchte und warte ab. Meldet sich niemand, bin ich damit zu frieden und belasse es dabei und wir genießen gemeinsam einen Moment der Stille. 
    • Die SchülerInnen gehen paarweise zusammen (Sitznachbar oder zufällige Paarbildung) und erzählen sich ihre schönen Momente.  Wenn sich in diesem Fall jemand dazu entscheidet nichts zu erzählen, dann bitte ich die Schülerinnen und Schüler zu versuchen, diese Stille auszuhalten und nicht über was anderes zu reden. Auch das ist meiner Meinung nach wichtig zu lernen: Stille auszuhalten.

Bei der letzten Variante mit der Partnerarbeit bietet sich die Gelegenheit achtsames Zuhören zu trainieren.

Was bedeutet achtsam zuhören?

Ich versuche so gut es geht präsent zu sein. Ich versuche nicht irgendetwas neben her zu machen oder ständig aus dem Fenster zu schauen. Ich suche immer wieder Augenkontakt. Ich unterbreche mein Gegenüber nicht und kommentiere nichts, auch nicht im Anschluss, wenn ich dran bin mit reden. Wenn ich merke, dass ich von anderen Gesprächen oder Gedanken abgelenkt werde, kann ich versuchen meinen Atem bewusst wahrzunehmen und so mit meiner Aufmerksamkeit wieder zu den Worten meines Gegenübers zurückkehren.

Diese Art des achtsamen Zuhörers muss im Vorfeld thematisiert werden und braucht natürlich Übung. Bitte keine Wunder erwarten. Natürlich geht das am Anfang in vielen Fällen schief. Das ist völlig in Ordnung. Wichtig meiner Meinung nach ist die Schülerinnen und Schüler immer wieder dafür zu sensibilisieren und ihnen eine Möglichkeit zu geben diese Art des Zuhörers zu trainieren. Eines der größten Geschenke, die wir unseren Mitmenschen machen können, ist es ihnen achtsam zuzuhören.

Wenn dir der Beitrag gefällt, dann probiere es doch einfach mal aus in deinem Unterricht. Ich freue mich, wenn du mir von deinen Erfahrungen berichtest.

by Señor F

Quellenangaben:

Westphal, Dörte; Valentin, Lienhard; Hawkins, Kevin und Burke, Amy: AmiKi-Weiterbildung: Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen, 2020/21  Arbor-Seminare Freiburg

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